Vermittelt oder gefördert? – Pro Arbeit 2013 diskutiert die Perspektiven von Langzeitarbeitslosen

„Arbeitsmarkt - zwischen Fachkräftemangel und Langzeitarbeits-
losigkeit“ war das Thema der diesjährigen „Pro Arbeit“ in Stuttgart. Einig waren sich die Diskutanten und Redner dabei, dass ein Fachkräftemangel herrscht und man hier gegensteuern muss. „Alle zu Verfügung stehenden Zielgruppen müssen erschlossen werden“, so etwa Dr. Walter Rogg, Geschäftsführer Wirtschaftsförderung Region Stuttgart. Die Mittel dafür seien bessere Chancen für Einwanderer, bessere Vereinbarung von Familie und Beruf sowie mehr Vollzeit- statt Teilzeitstellen, aber auch die Integration von Langzeitarbeitslosen. Zudem müssten Jugendliche besser ausgebildet sowie Qualifizierung und Weiterbildung insgesamt ausgebaut werden.

„Menschen ohne Berufsabschluss sind stärker von Arbeitslosigkeit betroffen als Menschen mit Berufsabschluss“, so Thorsten Würth, zuständig für Arbeitsmarktpolitik und Weiterbildung beim Arbeitgeberverband Südwestmetall. Dies werde sich in Zukunft noch verstärken. „Wir müssen mehr Jugendliche zum Berufsabschluss führen.“ Auch schwächere Jugendliche könnten dabei erfolgreich sein: „Dafür ist viel Überzeugungsarbeit in den Betrieben nötig. Ohne sozialpädagogische Begleitung gelingt dies nicht.“ Solche Ausbildungsprogramme seien auch für Langzeitarbeitslose geeignet. „So erhöhen sie ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt.“

Welche Chancen haben Langzeitarbeitslose?

Gerade bei den Chancen für Langzeitarbeitslose gab es heftige Diskussionen. Es ging darum, ob alle auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt unterkommen können. „Wir wollen keine dauerhafte Alimentierung“, so Jürgen Peeß, Leiter des JobCenter Stuttgart. 600 bis 700 Langzeitarbeitslose im Monat würde das JobCenter vermitteln. „Wir sollten alle so behandeln, als hätten sie eine Chance auf dem allgemeinen Arbeitmarkt. Wir dürfen sie nicht aufgeben, indem man sie separiert.“ Oft lägen die Probleme gar nicht bei den Langzeitarbeitslosen selbst, sondern es fehlten passende Angebote, zum Beispiel für Alleinerziehende. Auch die berufliche Weiterbildung sei zu bürokratisch: „Wir würden gerne mehr auf die Neigungen und Wünsche eingehen.“

Eine andere Position vertrat Marc Hentschke, Geschäftsführer des gemeinnützigen Sozialunternehmens Neue Arbeit. Er warb für öffentlich geförderte Beschäftigung und den Passiv-Aktiv-Transfer (PAT), mit dem auch Einfacharbeitsplätze aus dem Ausland zurückgeholt werden könnten. „435.000 Menschen, die mehrfache Vermittlungshemmnisse haben und die in den letzten drei Jahren zu 90 Prozent beschäftigungslos waren, werden nicht von der Wirtschaft aufgenommen. Die Zahl mag erschreckend sein, noch erschreckender ist: da leben 300.000 Kinder“, so Hentschke.

Durch die Politik der letzten Jahrzehnte seien nicht nur 2 Millionen Einfacharbeitsplätze in der öffentlichen Verwaltung weggefallen. Auch der Blick auf die Langzeitarbeitslosen habe sich geändert: „Früher standen das Individuum und seine Hilfebedürftigkeit im Vordergrund. Jetzt ist im SGB II die Frage angelegt: Bringt diese Person noch Nutzen?“, sagte Hentschke. Die Gesellschaft habe sich auf diese Situation eingestellt: „Schon in der Bibel heißt es ja: ‚Ihr habt alle Zeit Arme bei Euch’.“ „Was macht man mit diesen Menschen? Lässt man sie zu Hause? Und wenn man sagt: Ja, wir alimentieren sie, dann muss man öffentlich darüber reden“, forderte Hentscke. Ein schleichender Prozess geht nicht mehr.“

„Armut in einem reichen Land“

Viel Beifall fand der Vortrag von Christoph Butterwegge (Universität Köln) mit dem Titel „10 Jahre Hartz IV – Arbeitsmarktreformen und Armut in einem reichen Land“. „Seit 1974/75 wird der Sozialstaat ab- und umgebaut. Hartz IV ist die bekannteste Chiffre für diesen Um- und Abbau.“ Butterwegge nannte fünf gravierende Änderungen, darunter die Umwandlung vom Sozialstaat in einen „nationalen Wettbewerbsstaat“. „Es geht darum, den Wirtschaftsstandort wettbewerbsfähig zu machen.“ Deswegen seien Marktelemente in den Sozialbereich eingefügt worden. Dazu gehörten die Änderung der Zumutbarkeitsregeln, Ein-Euro-Jobs und untertarifliche Bezahlung. Bundeskanzler Schröder habe damit für den Wirtschaftsstandort geworben: „In Davos sagte er: ‚Wir haben einen der erfolgreichsten Niedriglohnsektoren in Europa geschaffen.’“

„Diejenigen, die sich soziale Sicherung nicht leisten können, werden auf den Wohltätigkeitsstaat verwiesen“, so das Fazit Butterwegges, „aus Sozialstaatsbürgern werden Bettler gemacht.“

Informationen zu „Pro Arbeit 2013“ finden Sie hier.