Katrin Hogh (EFAS), Marc Hentschke (Neue Arbeit), Ulrich Lilie und Heinz Gerstlauer (eva) im Gespräch

"Langzeitarbeitslosigkeit hat bei uns
hohe Priorität"

Mitte Oktober besuchte Ulrich Lilie, Präsident der Diakonie Deutschland, die Neue Arbeit. In einem Interview sprach über seine Tätigkeit und die Unterstützung von langzeitarbeitslosen Menschen.


Herr Lilie, Sie stehen an der Spitze der Diakonie in Deutschland. Wie viel direkten Kontakt haben Sie noch zu den betroffenen Menschen, die die Diakonie unterstützt?
In den ersten hundert Tagen hatte ich bestimmt an einem Drittel der Tage Kontakt mit Menschen und Klienten in der Diakonie in unterschiedlichen Projekten. Ich lege großen Wert darauf, dass ich regelmäßig Einrichtungen besuche, damit man nicht denkt, im Raumschiff Berlin findet die Welt statt. Wir sind ja als Spitzenverband für diese Menschen da und wenn wir keinen Kontakt halten, kann man das nicht.

Sie nehmen sich also bewusst die Zeit?
Sehr viel Zeit. Ich habe mir fest vorgenommen, dass ich einmal im Jahr eine Woche vor Ort in Projekten mitarbeite. Ich würde gerne in Arbeitsbereiche gehen, die besonders innovativ sind oder wo es unter schwierigen Bedingungen nötig ist, die Arbeit neu zu erfinden.

Sie haben hier über das Thema Arbeitslosigkeit gesprochen. Welche Bedeutung hat das Thema Arbeitslosigkeit neben ihren ganzen anderen wichtigen Themen?
Das Thema Langzeitarbeitslosigkeit verfolgen wir in der Diakonie Deutschland mit ganz hoher Priorität. Wir haben es beim Gespräch mit der Bundeskanzlerin prominent platziert. Sie sagte, aus Sicht der Bundesregierung gäbe es die klare Einsicht, dass die bisherige Strategie der Bundesagentur für Arbeit nicht funktioniert. Dass man versuchen muss, von Langzeitarbeitslosigkeit bedrohte Menschen präventiv davor zu bewahren. Für Menschen, die langzeitarbeitslos geworden sind, müsse man Modelle ausprobieren, wie man sie wieder in Arbeit bekommt. Offensichtlich greift die Überzeugung um sich, dass Teilhabe und Mitverantwortung für das Gemeinwesen für alle Menschen eine wichtige Erfahrung ist. Und dass es besser ist Arbeit zu finanzieren statt Langzeitarbeitslosigkeit.
Im Moment bin ich ganz guter Dinge. Wir werden mindestens Modellversuche für den Passiv-Aktiv-Transfer ausgestattet bekommen, mit denen wir zeigen können: Es gibt Lösungsmöglichkeiten.

Wie finden sie die Initiative der Landessynode in Württemberg, die zweimal 500.000 Euro für Beschäftigungsgutscheine bereitgestellt hat?
Das ist eine wunderbare Initiative einer Landeskirche, die dafür noch Mittel bereitstellt. Viele Landeskirchen und diakonische Werke sind ja so mit Konsolidierung und Einnahmerückgang beschäftigt, dass sie solche Mittel nicht mehr zur Verfügung stellenkönnen. Sie sagen, wir würden es auch gerne tun, aber wir haben leider keine Mittel dafür.

Wie gut ist die Diakonie beim Thema Langzeitarbeitslosigkeit mit den anderen Wohlfahrtsverbänden vernetzt und wie wichtig ist das?
In der Bundesarbeitsgemeinschaft besteht an diesem Punkten ein hoher Konsens. Der Passiv-Aktiv-Transfer als Modell ist von den anderen Trägern übernommen worden. Er wird auch gemeinsam in die Politik transferiert. Manchmal geht dabei ein bisschen die Urheberschaft verloren, alle sind dann gerne die Eltern einer guten Idee. Aber wenn die guten Ideen Früchte tragen, soll mir das Recht sein.

Was möchten Sie den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Neuen Arbeit mit auf den Weg geben?
Ich habe heute ein schönes neues Lied kennengelernt, es heißt „Jetzt schlägt’s dreizehn.“ Der Refrain ist „Es gibt immer eine Chance, nimm sie wahr und ergreif sie.“ Ich wünsche allen Menschen, die hier arbeiten, dass sie sich von diesem Slogan angesprochen fühlen. Es ist eine Einladung, aus den Chancen, die vor einem liegen und die die neue Arbeit bietet, etwas zu machen. Dafür wünsche ich jedem das Beste und Gottes Segen.


Kurzbiographie Ulrich Lilie:
Der 57-jährige Ulrich Lilie studierte Theologie in Bonn, Göttingen und Hamburg und war Pfarrer der Evangelischen Friedens-Kirchengemeinde Düsseldorf. Er war Stadtsuperintendent des Kirchenkreises Düsseldorf und seit Ende 2010 Theologischer Vorstand der Graf-Recke-Stiftung in Düsseldorf, eine der ältesten diakonischen Einrichtungen Deutschlands mit 1.500 Mitarbeitenden. Seit 2014 ist Lilie Präsident der Diakonie Deutschland und damit oberster Vertreter der Diakonie.
Lilie ist verheiratet und hat vier Kinder.