Kirchentagspräsident Andreas Barner im Gespräch mit Dekan Klaus Käpplinger

Die Neue Arbeit am Kirchentag:
Ein bunter Umzug, Fahrräder und Diskussionen zur Armut

Anfang Juni fand der Evangelische Kirchentag in Stuttgart statt. Das bedeutete für 140.000 Menschen Gedränge in der Stadtbahn und Kampf gegen die Hitze, aber auch viele interessante Begegnungen und Erlebnisse bei Gottesdiensten und Konzerten. Diakonie und Neue Arbeit nutzten den Kirchentag, um auf ihre Themen aufmerksam zu machen. Erfreulich war, dass auch die Prominenz für die Arbeitshilfe interessierte, so etwa Diakoniepräsident Ulrich Lilie, Oberkirchenrat Dieter Kaufmann, Vorstandsvorsitzender des Diakonischen Werks Württemberg und Kirchentagspräsident Andreas Barner.


Dass sich die Neue Arbeit so vielfältig präsentieren konnte, ist auch dem Engagement vieler Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu verdanken. Im Folgenden finden Sie Berichte zu den einzelnen Aktionen.

Die Diakonieparade war ein Erfolg – viele Menschen blieben stehen, um den Zug zu beobachten

Kirchentag 1: Die Diakonieparade

Auf der Diakonieparade zogen Mitarbeitende sowie Klientinnen und Klienten aus allen Teilen der Diakonie durch die Stadt. Motto: „Die Mitte ist bunt“. So wurde deutlich, wie vielfältig die Diakonie ist und wie viele Menschen durch sie unterstützt werden. Die Arbeitshilfe und die Neue Arbeit waren mit einer Riesen-Vuvuzela vertreten, die die Aufschrift trug: „Wir geben Arbeitslosen eine Stimme.“ Sie war kaum zu übersehen und zog so alle Blicke auf sich.

Das Glücksrad war der Einstieg für manches Gespräch

Kirchentag 2: Stand auf dem Markt der Möglichkeiten

Für die Arbeitshilfe warb der Stand der Neuen Arbeit auf dem „Markt der Möglichkeiten“. Besonders beliebt war das Glücksrad mit dem Titel „Arbeit statt Hartz IV“. An ihm konnte man symbolisch erfahren, welche Schwierigkeiten Langzeitarbeitslose haben, eine Beschäftigung zu finden – und wie sehr der Zufall dabei eine Rolle spielt. Einigen Besucherinnen und Besuchern aus Stuttgart konnte auch konkret weitergeholfen werden.

Die Diskussion um Armut hatte aufmerksame Zuhörer

Kirchentag 3: Gesprächsrunden zum Thema Armut

In der Leonhardskirche gab es mehrere, hochrangig besetzte Diskussionen. „20 Jahre Vesperkirche – (k)ein Grund zum Feiern“ dreht sich um das Thema Armut. Am Beispiel der Vesperkirche wurde deutlich, dass diakonisches Engagement zwiespältig sein kann. Einerseits entspricht es ohne Zweifel dem christlichen Auftrag, arme und hilfesuchende Menschen mit Essen zu versorgen und sie medizinisch zu unterstützten. Andererseits nimmt es etwas vom Druck auf die Gesellschaft, die Armut zu bekämpfen. „Alle Vesperkirchen reichen nicht aus, die Armut zu beseitigen“, so Prof. Franz Segbers, Professor für Sozialethik, aus Marburg. Er forderte, die Kirche müsse nicht nur diakonisch, sondern auch prophetisch sein, also die gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten öffentlich anprangern. Karin Ott, Stuttgarter Diakoniepfarrerin, stimmte dem grundsätzlich zu, sie will die Vesperkirche aber nicht auf den materiellen Aspekt reduzieren. „Natürlich wäre ein höherer Hartz IV-Satz hilfreich, aber am Gefühl des Nichtgebrauchtwerdens ändert das nichts“, so Ott. Für viele Klienten sei die Vesperkirche eine „Unterbrechung vom Alltag“ und die Zuwendung, die sie dort erfahren, sei wichtig. Auch Martin Klumpp, Prälat i. R. und Initiator der Vesperkirche, betonte den Wert der Begegnungen. „Ich war unzufrieden mit mir selbst, denn ich hatte keinen unbefangenen Umgang mit den Betroffenen“, erzählt er. Er sieht die Vesperkriche auch als Lernort, in dem Menschen mit unterschiedlichen Biographien lernen können, miteinander zu leben.

Wer „raus“ ist, zieht sich zurück

Zum Thema Arbeitslosigkeit sprachen Jan Frier von klinik.tv und Marc Hentschke, Geschäftsführer der Neuen Arbeit. Frier musste seinen Beruf als Gärtner aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. „550 Bewerbungen habe ich geschrieben, ohne Erfolg. Das kratzt am Selbstbewusstsein. Was man auch gemacht hat, es ist nichts mehr wert. Man kann nicht mithalten und zieht sich zurück.“ Frier ist inzwischen bei klinik.tv beschäftigt und hat positive Erfahrungen gemacht: „Ich wünsche mir, dass es auch in Zukunft Sozialunternehmen gibt, denn sie sind Mittler zwischen Arbeitslosen und dem ersten Arbeitsmarkt. Und die halten einen auch einfach fit.“

Hentschke wies darauf hin, dass die Zahl von 2,7 Millionen Arbeitslosen nicht die Realität abbildet. „Rechnet man die Bezieher von Transferleistungen mit ein, sind es 7,1 Millionen.“ Eine Alternative wäre „Arbeit statt Arbeitslosigkeit zu finanzieren“, doch darauf reagiere die Politik nicht, „egal wer regiert.“

Diakoniepräsident Ulrich Lilie betonte, dass die Spaltung in der Gesellschaft schon ganz früh beginne, „Oft haben schon die Kinder im Kindergarten nicht die Fertigkeiten, die man braucht. Wenn sie dann in der Schule Förderunterricht erhalten, haben sie den Stempel weg.“ Die materielle Ausstattung sei immer noch entscheidend, so Lilie. Die Diakonie brauchen einen langen Atem und müsse mit anderen zusammenarbeiten, damit sich etwas zu „Gerechtigkeit in diesem Land verändert.“

An vier Stationen in Stuttgart konnte man Räder ausleihen

Kirchentag 4: Leihräder und Vesperservice

Aktiv auf dem Kirchentag waren auch die Fahrrad-Service-Stationen. Sie stellten kostenlose Leihfahrräder zur Verfügung und boten auch einen Reparatur- und Instandhaltungsservice an. „Wegen der großen Hitze wurden gar nicht so viele Fahrräder benötigt wie gedacht.“, so Uli Rabeneick und weiter: „Die Zusammenarbeit mit den Ehrenamtlichen und Pfadfindern beim Verleih hat gut geklappt.“ Die Fahrräder werden jetzt an Bedürftige weitergegeben.
Auch das Kulturwerk war am Kirchentag und bewirtete beim Frauenmahl „G‘scheites Vesper, g’scheite Reden!“

Die AQTA-Ausstellung zeigt, wie wichtig Qualifizierung und Weiterbildung ist

Kirchentag 5: AQTA-Ausstellung

An der Leonhardskirche präsentierten sich die diakonischen Einrichtungen mit Ständen und einem Bühnenprogramm. Auch die Fotoausstellung zu „AQTA“ war hier zu sehen. Sie portraitiert alleinerziehende Frauen, die bei der Neuen Arbeit, der eva Heidenheim und der Aufbaugilde Heilbronn eine Ausbildung in Teilzeit absolvieren oder absolviert haben.