ProArbeit sozial 2018

Pro Arbeit sozial 1. - 2. März 2018

Auf der diesjährigen Fachtagung Pro Arbeit Sozial wurden neue Wege aus der Langzeitarbeitslosigkeit, mit Schwerpunkt auf sozialer Teilhabe, aufgezeigt. Experten, Betroffene und Interessierte erörterten Lösungsansätze und Konzepte.





1. Tag: Befähigende Arbeitsmarktpolitik – Neue Wege aus der Arbeitslosigkeit

„Die Wirtschaft in Deutschland boomt so lange wie noch nie“, betonte Ministerialdirektor Michel Kleiner vom Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau Baden-Württemberg. Obwohl Baden-Württemberg die niedrigste Arbeitslosenquote Deutschlands hat, hätten Langzeitarbeitslose wenig Chancen auf einen Arbeitsplatz. Durch die Digitalisierung werde sich dies noch verstärken, dabei sei das eigentliche Problem die enorme Geschwindigkeit des technologischen Wandels. Kleiner plädierte für eine nationale Weiterbildungsstrategie. Die Menschen in Deutschland seien bereit in ihre Weiterbildung zu investieren, deswegen werden dafür mehr Gelder zur Verfügung gestellt.

Dr. Kerstin Bruckmeier vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg sprach über „Arbeit 4.0 und Langzeitarbeitslosigkeit“. Sie sah formale Qualifizierungen als bestes Mittel, um mit den Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt Schritt halten können. In Zukunft würden immer mehr Spezialisten für hochkomplexe Tätigkeiten und immer weniger Geringqualifizierte gebraucht, aber auch weniger durchschnittlich qualifizierte Fachkräfte. Deswegen seien mehr Förderangebote für Langzeitarbeitslose, eine Steigerung der Qualität des Bildungssystems und ein sozialer Arbeitsmarkt notwendig.
Dr. Peter Bartelheimer vom Soziologischen Forschungsinstitut Göttingen forderte verbesserte Rahmenbedingungen für Arbeitslose: mehr Personal für die Jobcenter, feste Ansprechpartner, Wegfall der Sanktionspraxis und einen respektvollen Umgang auf Augenhöhe.

Für Prof. Dr. Franz Segbers von der Universität Magdeburg gibt es ein Menschenrecht auf ein Leben in Würde vor jeder Leistung. In seinem Vortrag beleuchtete er die Grundsicherung unter dem Aspekt „Voraussetzung für Selbstwirksamkeit und Teilhabe“. Segbers mahnte das Bedingungsloses Grundeinkommen genauer zu betrachten, um nicht in die Utopie-Falle zu tappen. Er bezeichnete es als unfertiges Programm, jedoch als eine Idee, die eine Richtung für die Weiterentwicklung des Sozialstaats angeben kann.

In der anschließenden Podiumsdiskussion ging über die Konsequenzen und Zukunftsfähigkeit einer befähigenden Arbeitsmarktpolitik. Martina Musati, operative Geschäftsführerin der Bundesagentur für Arbeit, berichtete über Neuerungen für Betroffene. [So wurde eine Jugendberufsagentur ins Leben gerufen und die Krankenkassen schicken Gesundheitsberater in die Job-Center. Sie forderte jedoch deutlich verbesserte Leistungen für Kinder.] Sie mahnte auch eine Diskriminierungsfreiheit im Jobcenter an. Hansjörg Böhringer von der AG Arbeit wünschte sich eine Lebensperspektive und echte Empathie für Betroffene, da sonst keine Hilfe möglich sei. Prof. Dr. Franz Segbers forderte einen erweiterten Erwerbsbegriff: „Wir dürfen Arbeit nicht nur als Erwerbsarbeit definieren, sondern als gesellschaftliche Aufgabe.“ Thomas Poreski, Landtagsmitglied BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN, legte dar, dass der Ansatz „aus der sozialen Hängematte rausholen“ sich als empirisch bewiesen falsch herausgestellt hat, und warnte: „Wenn die Mittelschicht in die Nähe des Prekären gerät, dann fliegt uns die Gesellschaft um die Ohren.“

2. Tag: Soziale Teilhabe und Beschäftigung von Langzeitarbeitslosen − Konzepte und Umsetzung vor Ort

Am Anfang des zweiten Tages lobte Jürgen Peeß vom Jobcenter Stuttgart die gute Zusammenarbeit mit den Stuttgarter Trägern. Es brauche jedoch mehr Öffnung und eine Weitung des Blicks: Nicht nur sozialversicherungspflichtige Arbeit, sondern auch Gesundheit und Kinder sollten im Fokus stehen.
Zusätzliche individuellen Hilfen forderte Edgar Heimerdinger vom Caritasverband. Auch die Kommunen sollten mit ins Boot geholt werden, da sie von der auf Arbeitslosigkeit folgende Armut direkt betroffen seien.

Michaela Hofmann vom DICV Köln beschäftigte sich damit, was Armut und soziale Ausgrenzung in der Praxis bedeuten. Hierzu zitierte sie Nelson Mandela: „Wie die Sklaverei und die Apartheid, ist auch die Armut nicht naturgegeben. Sie ist von Menschen gemacht und sie kann durch das Handeln der Menschen überwunden und ausgerottet werden. Die Überwindung der Armut ist keine Geste der Wohltätigkeit. Sie ist eine Tat der Gerechtigkeit.“ Als Antwort auf die Frage, wie soziale Teilnahme gelingen kann, stellte Hofmann das erfolgreiche Projekt Lotse vor, ein Projekt, wo die Menschen freiwillig zusammen kommen und sich gegenseitig unterstützen. Sie kritisierte die Programme der Job-Center, in die der Arbeitssuchende „reinpassen“ muss und die nicht individuell nach Befähigung angepasst sind.

Anschließend erzählten und visualisierten Mitglieder der Denkfabrik der Neuen Arbeit anhand eigener Erfahrungen, was es bedeutet, in einer reichen Stadt arm und arbeitslos zu sein.

Zwischendurch sorgte der fröhliche Chor des Sozialunternehmens für Frauen Zora mit schwungvollen Liedern für eine heitere Stimmung.
Bei der abschließenden Diskussion zum Thema „Neue Akzente in der Arbeitsmarktpolitik“ saßen zwei Langzeitarbeitslose mit auf dem Podium. Sie berichteten von guten, aber auch von negativen, frustrierenden Erfahrungen mit den Jobcentern. Jürgen Peeß, Leiter des Jobcenters Stuttgart, forderte, Arbeitslose nicht nur zu verwalten, stattdessen gemeinsam mit diesen Menschen Konzepte zu entwickeln. SPD-Gemeinderat Udo Lutz kritisierte gesetzliche Rahmenbedingungen, die oft kontraproduktiv seien und auch die Stadt Stuttgart, die viel zu wenig tue. Die Stadt München, die einen zweiten Arbeitsmarkt etabliert hat, solle zum Vorbild genommen werden. Wie er fordert auch Waltraut Streit, Geschäftsführerin des Frauenunternehmens ZORA: „Weg mit den ständigen Befristungen!“

Alle Vorträge können Sie hier auf der Internetseite der ProArbeit herunterladen.