Diakoniepräsident Ulrich Lilie besucht das Kaufhaus in Bad Cannstatt

Zum Zuhören gekommen

Diakoniepräsident Ulrich Lilie besucht das Kaufhaus in Bad Cannstatt – Langzeitarbeitslose und Menschen mit Behinderungen erzählen von ihren Erfahrungen

Im Rahmen einer Rundreise besuchte Ulrich Lilie, Präsident der Diakonie Deutschland, das Kaufhaus in Bad Cannstatt. Dort fand ein Gottesdienst und ein „UNERHÖRT!“-Forum statt, bei dem Langzeitarbeitslose und schwerbehinderte Menschen von ihren Erfahrungen erzählten. Mit der Kampagne „UNERHÖRT!: Zuhören statt verurteilen“ wirbt die Diakonie Deutschland für eine offene Gesellschaft. Jede Lebensgeschichte habe ein Recht darauf, gehört zu werden. Auch Lilie selbst hörte zunächst einmal eine Stunde zu, bevor er sein Statement abgab.


Hüsyein Kurt

Als erster berichtete Hüsyein Kurt, der nur noch 10 Prozent Sehkraft besitzt, dass viele Arbeitgeber Schwierigkeiten mit schwerbehinderten Menschen haben, weil diese einen besonderen Kündigungsschutz haben. Er selbst hätte gerne im Metallbereich gearbeitet, was aber aufgrund seiner Behinderung nicht möglich ist. Nach verschiedenen Arbeitsstellen mit teilweisen weiten Anfangswegen (zum Beispiel Stuttgart-Pforzheim) ist er nun im Kaufhaus. Er wundere sich, warum einige Kunden extra nach den Preisen fragen, obwohl alles ausgezeichnet ist. „Da frage ich mich manchmal, bin ich jetzt sehbehindert oder die.“ Von den Arbeitgebern wünscht er sich, dass sie Schwerbehinderten mehr Chancen geben und nicht gleich abblocken.

Ramona Löffler

Mehr Flexibilität der Arbeitgeber wünscht sich auch Ramona Löffler, die im Kaufhaus eine modulare Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau macht. Die alleinerziehende Mutter kennt die Befürchtungen der Arbeitgeber, dass sie wegen ihrer Tochter oft bei der Arbeit ausfällt. Auch das Betreuungssystem sei nicht auf Menschen wie sie eingestellt, so Löffler. Sie selbst geht selbstbewusst mit ihrer Situation um. „Es ist nie zu spät, das Ruder herumzureißen“, so Löffler. „Man muss sein eigenes Geld verdienen können. Das habe ich erreicht. Die erste Prüfung habe ich bestanden, ich habe mir bewiesen, dass ich etwas auf dem Kasten habe.“ Sie berichtete auch vom Leben mit Hartz IV, das oft schwierig ist, etwa wenn sie ihrer Tochter nicht das kaufen kann, was andere Kinder haben.


Diakoniepräsident Ulrich Lilie im Gespräch mit Ramona Löffler

Jan Frier

Als dritter erzählte Jan Frier von seinem Leben als Langzeitarbeitsloser. Er hat ursprünglich Gärtner gelernt, war eine Zeitlang bei Zeitarbeitsfirmen und hatte dann eine gute Stelle im Sparkassenverlag. Doch als Leute entlassen wurden, hatte er Pech: „Durch einen ungünstigen Sozialplan stand ich auf der Abschussliste.“ Wegen der guten Zeugnisse rechnete er damit, schnell wieder eine Arbeit zu finden. Doch dem war nicht so. Mehr als 500 Bewerbungen hat Frier geschrieben – vergeblich. „Ich habe alle Qualifikationen in Anspruch genommen die möglich waren“, so Frier und betont: „Das Amt stand dem sehr positiv gegenüber und hat mich unterstützt.“ Heute ist Frier ehrenamtlich im Filmprojekt der Neuen Arbeit. Wenig gute Erfahrungen hat er mit den meisten ehemaligen Freunden gemacht. Die einen empfanden ihn schnell als langweilig, weil er finanziell bei der Freizeitgestaltung nicht mithalten konnte. „Die anderen waren neidisch auf mich, weil sie in ihrem eigenen Job unzufrieden waren. Die haben sich verabschiedet.“

Klaus Käpplinger

Im zweiten Teil des Gesprächs kam nun die andere Seite zu Wort: Menschen die fest in ihrem Beruf verankert sind und selbst noch nie arbeitslos waren. Klaus Käpplinger, ab 1. September neuer Voritzender der eva (Evangelische Gesellschaft Stuttgart) meinte, dass sich unsere Gesellschaft über Arbeit definiert. Aber: „Wir sind in Stuttgart in keinem guten Zustand. Uns geht’s gut, trotzdem haben wir es nicht geschafft, die Langzeitarbeitslosigkeit durch eigene Projekte abzuräumen.“ Käpplinger beobachtet - auch in den Kirchengemeinden - eine Hilflosigkeit und eine Ratlosigkeit, die richtigen Worte für das Gespräch mit ausgeschlossenen Menschen zu finden.

Michael Sandfort

Michael Sandfort arbeitet seit 10 Jahren ehrenamtlich in der Vesperkirche. „Ich konnte nicht damit umgehen, dass es Armut vor der Haustür gibt“, erzählt er. Während früher viele die Vesperkirche besucht hätten, um der Einsamkeit zu entgehen, gäbe es heute deutlich mehr Menschen, „die froh darüber sind sieben Wochen über die Runden zu kommen. Viele der Biographien passen nicht zu unserem hochgelobten reichen Stuttgart.“ Parteien, die die Worte „christlich“ und „sozial“ im Namen tragen, hätten mit dafür gesorgt, dass Gewinne von unten nach oben wandern, allein durch Steuerhinterziehung entgingen dem Staat 50 Milliarden Euro. Es fehle an sozialer Verantwortung und an der Bereitschaft, auch Menschen, die keine 100-prozentige Leistung bringen können, in den Firmen mitzutragen.


Diakoniepräsident Ulrich Lilie

Ulrich Lilie

Zum Schluss legt Diakoniepräsident Ulrich Lilie seine Position da. Es sei gut zuzuhören, damit fange die Diakonie an. Zudem sei es in einer Gesellschaft, die immer vielfältiger werde, wichtig „dass man erzählt, wie man ist.“ Auch er selbst müsse die Macht des Wortes nützen, etwa wenn er die Lebensgeschichten den verantwortlichen Politiker/-innen weitererzählt. Andererseits habe sich die Diakonie auch durch ihre Handeln, etwa in der Flüchtlingskrise, einen gewissen Respekt in der Politik erwerben. Um etwas zu erreichen. brauche sie aber Bündnisse und müsse auf allen Ebenen kampagnenfähig sein. Als Beispiel nannte er den PAT (Passiv-Aktiv-Transfer), der jetzt im Koalitionsvertrag steht. Was die Gemeinden betrifft, merke auch Lilie Schwierigkeiten der Gemeinden sich nach außen zu öffnen. „Der Protestantismus war eigentlich immer eine Bürgerreligion, eine Mittelstandsreligion. Das ist bis heute in der Tiefenwirkung spürbar“, so Lilie. „Eine diakonische Kirche ist eine Kirche, die die Relevanz des Evangeliums vor der Kirchentüre lebt“, zitierte er den ehemaligen Bischof Wolfgang Huber. Feiern und Handeln, Gottesdienst und Diakonie, gehörten untrennbar zusammen. „Das ist für die Relevanz und die Glaubwürdigkeit des Evangeliums unaufgebbar.“ Letztlich sei das eine Frage der Überlebensfähigkeit der Kirche. Die letzten Gedanken griff Lilie auch in seiner Predigt im anschließenden Gottesdienst auf, der er einen Text des Propheten Amos (Kapitel 5, 21-24) zugrunde legte. „Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach“, heißt es darin.