Helmut Winkler, Luise Janke und Knut Peter Licina (von links) berichteten über ihre Erfahrungen mit Langzeitarbeitslosgkeit. Christina Metke (2. v. rechts) moderierte

Langzeitarbeitslose berichten aus ihrem Leben

Bei der Gesprächsrunde in der Vesperkirche verspricht die Politik Hilfe

Langzeitarbeitslose haben es schwer, Gehör zu finden. „Betroffene berichten – Politiker hören zu“ setzt aber gerade darauf. Das Format wurde von der Denkfabrik in Kooperation mit der Vesperkirche Stuttgart entwickelt. Zum Gespräch eingeladen waren diesmal die Kommunalpolitiker/-innen Beate Bulle–Schmid (CDU), Andreas Winter (Bündnis 90/Die Grünen), Dr. Michael Jantzer (SPD), Thomas Adler (SÖS-Linke-PluS) und Ilse Bodenhöfer–Frey (Freie Wähler).

Luise Janke, Helmut Winkler und Knut Peter Licina bildeten das Sprachrohr der Betroffenen. Sie berichteten am Anfang der neunzigminütigen, gut besuchten öffentlichen Veranstaltung aus ihrem Leben als Langzeitarbeitslose und wie sie in die prekäre Lage geraten sind. Wobei sie einmal mehr mit dem Vorurteil aufräumten, diese seien einfach nur faul und folglich selber schuld an ihrer Situation. Eloquent referierten sie über ihren beruflichen Werdegang, ihre Jugendträume und deren ernüchterndes Zusammentreffen mit der Realität auf dem Arbeitsmarkt.

Luise Janke hatte ihre Mutter verloren, was sie verdrängte, indem sie sich in die Arbeit stürzte. Als sie die Arbeit verlor, holte sie die Vergangenheit wieder ein und sie fiel in ein tiefes Loch. Dann begann das Jobcenter zu fördern und vor allem zu fordern, wobei sie das erste Bewerbungstraining gerne gemacht hatte – die sechs weiteren dagegen weniger.
„Das Schlimmste an der Arbeitslosigkeit ist, dass einem die Decke auf den Kopf fällt“, erzählt

Helmut Winkler. Nach einem abgebrochenen Mathematikstudium landete er 1990 beim Stuttgarter Wochenblatt, wo er bis zum leitenden Redakteur aufstieg. Bis dann 2013, aufgrund weitreichender Sparmaßnahmen, der gesamten Redaktion gekündigt wurde. Zu diesem Zeitpunkt war er 55 Jahre alt. Auch das Schreiben von vierhundert Bewerbungen führte gerade einmal zu zwei, erfolglosen, Bewerbungsgesprächen. Damit teilt er ein Schicksal, das viele Langzeitarbeitslose betrifft: trotz immensen persönlichen Einsatzes bekommen sie noch nicht einmal die Gelegenheit, sich persönlich vorzustellen und dabei einen positiven Eindruck zu machen.

Bei den anwesenden Politikern machten sie allerdings durchaus Eindruck, denn diese zeigten sich mehrheitlich solidarisch und verständnisvoll: Beate Bulle-Schmid beispielsweise möchte dem Jobcenter bezüglich sinnfreier Maßnahmen auf die Füße treten, während Thomas Adler klarstellte, dass seine Partei bereits seit Inkrafttreten der Hartz–Gesetze fordert, diese wieder abzuschaffen oder grundliegend zu ändern.

„Prekariat gibt es heute überall, nicht nur in Gestalt von Langzeitarbeitslosigkeit“, warnte Roland Sauer, Sprecher der Landesarmutskonferenz, am Ende und fordert mit Nachdruck: „Prekäre müssen ihre eigene Lobby bilden!“

Diakoniepfarrerin Gabriele Ehrmann von der Vesperkirche bedankte sich bei allem und nutzte die Gelegenheit, die anwesenden Politiker an ihre Verantwortung gegenüber den Betroffenen zu erinnern. Sie kündigte an, in einem halben Jahr einmal nachzufragen, was sich konkret getan habe.