Stefanie Ritzmann las im Kaufhaus Bad Cannstatt aus ihrem Buch "Weglaufen? Geht nicht!"

Weglaufen ? Geht nicht!

Stefanie Ritzmann las aus ihrem Buch im Kaufhaus Bad Cannstatt

Die von Contergan-Schäden betroffene Stefanie Ritzmann las im Kaufhaus Bad Cannstatt vor voll besetzten Stuhlreihen aus ihrem Buch „Weglaufen? Geht nicht!“. Die Lesung fand im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Forum im Kaufhaus“ statt. Gleich zu Beginn stellt die 60-jährige klar: „Als Opfer fühle ich mich nicht! Ich habe etwas aus meinem Leben gemacht.“

Damit stimmte sie den Ton für den Rest des Abends an, bei dem klar wird, wie viele Hindernisse sie überwinden musste, um ein selbstbestimmtes Leben führen zu können. Eine große Kraft geht von der zierlichen Person im Rollstuhl aus. Den Contergan-Skandal thematisiert sie nur kurz, doch drastisch: „Eine Tablette hat schon gereicht!“ Die Tablettenschachtel ihrer Mutter besitzt sie noch heute.
Ihre Mutter hat sie nach der Geburt erstmal nicht gesehen, stattdessen kam sie in ein Säuglingsheim. Dort gab es zum Glück eine Frau, die sich sehr liebevoll um sie gekümmert hat: Gisela, ihre Ziehmutter. Von ihr hat sie ihre Offenheit und durch sie hat sie ihre Selbstständigkeit gelernt: „Kind, guck, dass du alles selbst machen kannst!“, sagte diese oft zu ihr.

Durch ihr ganzes Leben zieht sich der Kampf um die Selbstständigkeit, den sie jedes Mal gewonnen hat. Sie machte ihren Führerschein, auch geheiratet hat sie. Gegen den Willen ihrer Eltern machte sie eine Ausbildung zur Bürokauffrau in einem Berufsbildungswerk und fand danach auch eine Anstellung. Aus gesundheitlichen Gründen musste sie letztendlich ihren Beruf aufgeben, fand aber stattdessen eine andere erfüllende Aufgabe: Sie wurde Vorsitzende des ersten Behindertenbeirats in Karlsruhe und setzte sich damit zehn Jahre für die größere Teilhabe behinderter Menschen am gesellschaftlichen Leben ein. Dabei hat sie gelernt, andere Menschen mit Behinderung miteinzubeziehen, denn: „Nur gemeinsam kann man was erreichen.“

Sehr oft in ihrem Leben wurde ihr gesagt: „Das schaffst du nie!“ „Wenn ich das geglaubt hätte säße ich heute in einem Heim in Bremen.“

Ritzmann wurde mit dem Landesverdienstorden ausgezeichnet. Eine Freundin sagte ihr mal: „Du bist ein Siegertyp, guck was du alles geschafft hast!“ Ihre Stärke wird auch deutlich in der Dankbarkeit, die sie für so vieles empfindet: „Ich bin dankbar, dass ich nicht am Contergan gestorben bin, ich bin dankbar, dass ich nicht abgetrieben wurde, ich bin dankbar, dass ich an den Erfahrungen im Heim nicht zerbrochen bin, ich bin dankbar, dass ich schon so alt geworden bin.“

Am Ende gibt sie dem Publikum Folgendes mit auf den Weg: „Ich liebe das Leben so wie es ist, trotz, oder gerade wegen Contergan.“ Es folgt langer Applaus.

Das Buch „Weglaufen? Geht nicht!“ von Stefanie Ritzmann und Beate Rygiert ist bei Klöpfer & Meyer erschienen


Der Contergan-Skandal
Das zwischen 1957 und 1961 millionenfach verkaufte Beruhigungs- und Schlafmittel Contergan führte zu einem der aufsehenerregendsten Arzneimittelskandale in der Bundesrepublik Deutschland. Das als besonders sicher geltende Mittel führte zu einer Häufung von schweren Fehlbildungen oder gar dem Fehlen von Gliedmaßen und Organen bei Neugeborenen. Die Herstellerfirma Grünenthal gab damals an, die Tabletten wären „so harmlos wie Zuckerplätzchen.“