Seit 20 Jahren gibt es die Pro Arbeit. Auch dieses Mal gab es wieder spannende Vorträge und Diskussionen

Pro Arbeit sozial 2017 und Tagung zur Wahlenthaltung Langzeitarbeitsloser

Der Einzelfall ist der Maßstab, an dem man sich orientieren muss. So könnte man das Ergebnis der diesjährigen Pro Arbeit sozial und der anschließenden Tagung „Demokratie fördern – Arbeitslosigkeit bekämpfen“ zusammenfassen.


Tag 1 - Individuelle Förderung als Schlüssel der Arbeitsmarktpolitik

Veranstalter:

caritas neue arbeit sbr zora

Arbeitsmarkt sozial gestalten –
Flüchtlinge und Frauen vor Ort unterstützen

„Arbeitsmarkt sozial gestalten – Flüchtlinge und Frauen vor Ort unterstützen“ war der Titel des ersten Tages. In ihrem Vortrag zeigte die Wirtschaftswissenschaftlerin Uta Meier-Gräwe, dass Frauen nach wie vor einen Großteil der Familienarbeit übernehmen und am Arbeitsmarkt benachteiligt sind. Das liegt auch an Entscheidungen der Politik, etwa der Einführung von Mini-Jobs. Nach ihrer Ansicht lohnt sich die Förderung und Qualifizierung arbeitsloser Frauen. Es sei ein Mittel gegen Fachkräftemangel und die Frauen seien so besser vor Altersarmut geschützt.

In seinem Grußwort hatte Werner Wölfle, Bürgermeister für Soziales und gesellschaftliche Integration von Stuttgart, betont, wie heterogen die beiden Gruppen Flüchtlinge und Frauen sind. Bei Flüchtlingen gäbe es sowohl das „Zerrbild des gut ausgebildeten Ingenieurs“ wie das des „Analphabeten, der noch nie eine Schule gesehen hat.“ Beide Fälle finde man zwar, so Wölfle, aber sie machten nicht die Mehrheit aus. Sprache und Ausbildung seien zentral für die Integration. Dafür fehle es nicht an Geld, aber an Flexibilität und oft an einer Bleibeperspektive. Insgesamt war man sich einig, dass Flüchtlinge eine Chance darstellen, wenn man sie richtig fördert. So seien 70 Prozent der Flüchtlinge unter 30 Jahren.
Die Konzepte der Bundesagentur für Arbeit zur Integration von Flüchtlingen stellte Frau Mast von der Regionaldirektion Baden-Württemberg vor. Ausgehend von den Flüchtlingsintegrationsmaßnahmen, über die ersten Integrationskurse gibt es bei den Agenturen und Jobcenter inzwischen umfangreiche Stufenpläne zur Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt, wobei vor allem auf eine Kombination von Sprachkursen mit Berufspraxis und (Teil-)Qualifizierungen abgestellt wird.

Der zentrale Beitrag des Tages kam von der neuen Ministerin für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau, Frau Dr. Hoffmeister-Kraut die ein deutliches Bekenntnis abgab, dass die Landesregierung und ihr Ministerium eine arbeitsmarktpolitisch aktive Rolle ausüben wolle. Sie bekannte sich zum sozialen Arbeitsmarkt und zum Passiv-Aktiv-Transfer, zur unabhängigen Arbeitslosenberatung und zu einer ganzen Reihe weiterer Programm- und Projektansätze zur Integration von Alleinerziehenden, zur Qualifizierung von Jugendlichen und anderen benachteiligten Gruppen. Denn wo, wenn nicht in Baden-Württemberg mit seinem gut funktionierenden Arbeitsmarkt kann es gelingen, auch die Personen zu integrieren, die schwerer haben, auf dem Arbeitsmarkt ihren Platz zu finden. Frau Hoffmeister-Kraut unterstrich, dass kein Mensch zurückgelassen werden solle.


Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut, Wirtschaftsministerin von Baden-Württemberg, sprach auf der Pro ArbeitAm Schluss des Tages sprach Prof. Stefan Sell von der Hochschule Koblenz grundsätzlich zur gegenwärtigen Arbeitsmarktpolitik. Um den Fachkräftemangel zu beheben, müsse man viel mehr in die Arbeitslosen investieren und dazu die Möglichkeiten flexibilisieren. Statt Programme aufzulegen und dann zu schauen, welche Arbeitslosen dazu passen, brauche es die Möglichkeit, individuell zu fördern. Dies sei mit dem alten BSHG (Bundessozialhilfegesetz) möglich gewesen. Volkswirtschaftlich lohnten sich solche Investition. Wenn man langfristig in Langzeitarbeitslose investiere, würden unter anderem die enormen Krankenkassenkosten für diese Gruppe sinken.


Tag 2 - Ernüchternde Aussichten für Langzeitarbeitslose

Veranstalter:

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Arbeitslosigkeit bekämpfen
und damit demokratische Teilhabe fördern

Oberkirchenrat Dieter Kaufman gab Arbeitsministerin Andrea Nahles einen Diakonie-Schal mit auf den Weg. Seine Botschaft: Wir geben Arbeitslosen eine Stimme. Der zweite Oberkirchenrat Dieter Kaufman gab Arbeitsministerin Andrea Nahles einen Diakonie-Schal mit auf den Weg. Seine Botschaft: Wir geben Arbeitslosen eine Stimme. Tag stand unter dem Titel „Demokratie fördern – Arbeitslosigkeit bekämpfen“. Schon lange weiß man, dass Langzeitarbeitslose unter den Nichtwählern überdurchschnittlich stark vertreten sind. Bei zwei Vorträgen wurde deutlich, dass es einen engen Zusammenhang zwischen dem Herausfallen aus der Arbeitswelt und dem Nichtwählen gibt. So haben Langzeitarbeitslose das Gefühl, Menschen zweiter Klasse zu sein, sie ziehen sich enttäuscht zurück und erwarten nicht mehr, dass die Politik noch etwas für sie tut. Beschäftigungsmaßnahmen können diesen Menschen wieder gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen.

Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles griff das Thema in ihrer Rede auf. Während der Nichtwähleranteil quer durch alle Schichten vor 30 Jahren bei 10 Prozent lag, sind es heute am unteren Einkommensrand 40 Prozent, am oberen Einkommensrand nur 7 Prozent. Außerdem richte sich die Politik eher nach den Einstellungen der Gutverdiener und Vermögenden. „Das ist in der Tat demokratierelevant“, so Nahles. Sie betonte weiterhin die aktuell guten Arbeitsmarktzahlen. Die SPD wolle künftig besonders die „frischen“ Arbeitslosen stärker fördern und qualifizieren, dort sei jeder investierte Euro gut angelegt, weil die Chancen auf Reintegration in den Arbeitsmarkt bei diesen Menschen besonders hoch sei.

Sie sprach sich dafür aus, auch Langzeitarbeitslose stärker zu fördern, setzt dabei schwerpunktmäßig auf das Programm „Soziale Teilhabe“, weniger auf den von den Wohlfahrtsverbänden geforderten „Aktiv-Passiv-Transfer“ (PAT). „Ich habe mich für den PAT eingesetzt, ich finde ihn sinnvoll. Ich bin aber nicht sicher, ob es jemals möglich ist, den PAT auf Bundesebene zu verankern“, so Nahles. Sie nannte dafür rechtliche, politische und finanzielle Gründe.

In seinem Schlusswort betonte Oberkirchenrat Dieter Kaufmann, Vorstandsvorsitzender der ag Arbeit Baden-Württemberg, dass man sich trotzdem weiterhin für den PAT einsetzen werde. „Wir haben erreicht, dass diese Thematik aufgegriffen wird. Was wir nicht geschafft haben, ist, ein von allen für sinnvoll erachtetetes System umzusetzen.“ Kaufmann will weiter für den PAT werben und ist überzeugt davon, „dass wir das eines Tages schaffen. Es geht um den Menschen, es geht um Teilhabe am Leben, um Teilhabe an der Arbeit, es geht auch darum, dass sich diese Menschen an der gesellschaftlichen Wirklichkeit aktiv beteiligen wollen.“



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