
Vier Wochen vor der Landtagswahl kamen in der Vesperkirche rund 100 Menschen zu einem besonderen Dialog zwischen Betroffenen und Politik zusammen, bei dem persönliche Lebensrealitäten im Mittelpunkt standen.
Die Veranstaltung wurde von der Evangelischen Leonhardsgemeinde, dem Asylpfarramt, der Vesperkirche und dem Sozialunternehmen Neue Arbeit organisiert. Moderiert wurde der Abend von Holger Fuhrmann, Referent für Arbeitslosenhilfe und Armut im Diakonischen Werk Württemberg.
"Wen kann ich wählen? Wer unterstützt uns?"
Zu Beginn begrüßte Diakoniepfarrerin Gabriele Ehrmann die Anwesenden mit einer Frage, die viele bewegt: „Wen kann ich wählen? Wer unterstützt uns?" Damit brachte sie den Kern des Abends auf den Punkt: Politische Programme müssen sich daran messen lassen, ob sie konkrete Lebensrealitäten verbessern. Die drei Themenblöcke Armut, Asyl und Arbeitslosigkeit strukturierten den Abend. Betroffene berichteten von ihren Erfahrungen, Sorgen und Forderungen. Die eingeladenen Kandidierenden hörten zunächst zu.
Armut ist Realität
Diakoniepfarrerin Gabriele Ehrmann machte deutlich: „Wir haben ein Armutsproblem in unserer Gesellschaft.“ Johanna Gärtner berichtete von ihrer Situation als alleinerziehende Mutter mit Halbtags-Arbeit und Bürgergeld: Die Kosten für Schule, Essen und Materialien seien eine große Belastung. Ihr Wunsch: Kosten für Kita- und Schulessen sollten übernommen werden, um Bildung und Teilhabe zu sichern.
Asyl und Integration
Asylpfarrer Dr. Sebastian Molter forderte mehr Austausch zwischen Politik und Zivilgesellschaft, keine geschlossenen Sekundärzentren und einen Abschiebestopp in den Iran und nach Syrien. Der Geflüchtete Burak Abu Dail, seit einem Jahr in Deutschland, schilderte seine Hürden: Fehlende Anerkennung seines Abiturs, fehlende Finanzierung für den B2-Deutschkurs, Probleme mit der Bezahlkarte – dennoch betonte er seine Dankbarkeit für Perspektiven und Sicherheit in Deutschland.
(Langzeit-)Arbeitslosigkeit – zwischen Vorurteil und Realität
Martin Tertelmann von der Neuen Arbeit wies auf die steigende Zahl langzeitarbeitsloser Menschen hin und widerlegte das Vorurteil der „Arbeitsunwilligkeit“. Häufig seien Ängste und Krankheit die größten Barrieren. Claudia Wanner, Sprecherin der selbstorganisierten Interessengemeinschaft Langzeitsarbeitsloser (IGELA), berichtete von ihrem Weg mit viel Krankheit zur Tätigkeit als Demokratie-Begleiterin bei der Neuen Arbeit. Sie betonte: „Geldmangel nimmt freie Entscheidungen und dann wird es ein Dauerzustand.“ Von einer „sozialen Hängematte“ könne keine Rede sein – „eher von einem Nagelbrett“. Notwendig seien leistbare Arbeit und keine Ausspielung zwischen marginalisierten Gruppen.
Stellungnahmen der Politiker:innen
Im Anschluss an die Einblicke der Betroffenen hatte jede:r Kandidat:in fünf Minuten für eine Stellungnahme:
- Oliver Hildenbrand (Grüne) forderte Austauschformate für leise Stimmen und den Menschen im Fokus – statt nur Zahlen.
- Teresa Schreiber (CDU) betonte die Wichtigkeit von Wirtschaft, Sozialstaat und Hilfe zur Selbsthilfe für Betroffene.
- Laura Streitbürger (SPD) forderte auch ein „Nachobenschauen“ in Bezug auf Vermögenssteuer und mehr Gerechtigkeit.
- Claudia Schober (FDP) betonte die Umsetzungsprobleme in Verwaltung und die Relevanz, Freiheit und Selbstbestimmung zu wahren.
- Utz Mörbe (Linke) sprach sich für Sozialen Wohnungsbau und Willkommenskultur als Schlüssel zur Teilhabe aus.
Stellungnahmen der Politiker:innen
In der anschließenden Plenumsdiskussion wurden die Themen vertieft. Fragen nach bezahlbarem Wohnraum, gerechter Verteilung, Integration und gesellschaftlichem Zusammenhalt standen im Mittelpunkt. Deutlich wurde: Die Herausforderungen sind komplex – doch ebenso groß ist das Bedürfnis nach ehrlichem Austausch.
Der Abend machte sichtbar, wie wichtig es ist, nicht nur über Menschen zu sprechen, sondern mit ihnen. Denn Demokratie lebt vom Zuhören. Und von der Bereitschaft, aus Begegnungen Konsequenzen zu ziehen.
.